Kriegstreiber Peter Mansoor an die FU Berlin geladen – Studierende protestieren

Am 12.12.2011 referierte Prof. Dr. Peter R. Mansoor am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin. Eingeladen worden war er von der American Academy Berlin, unterstützt durch die Daimler Fonds.

Große Namen, vermeintlich großes Programm, doch der Vortrag fand weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit statt, was meiner Meinung nach jedoch eine genaue Betrachtung der Ereignisse nicht weniger notwendig macht. Die Veranstaltung trug den Titel „The Iraq War: Opportunities Lost – Lessons Learned and the Way Ahead“. Beworben wurde dieser Abend am JFK-Institut mit einem Plakat, welches einen Mansoor in Kampfuniform zeigt, daneben Fotos von Panzern, Kampfhubschraubern und einer Gruppe US-Soldaten im Maschinengewehr-Einsatz.

Warum werden solche Menschen nach Berlin eingeladen? Über welche Möglichkeiten, Lehren und Aussichten sollen wir durch ranghohes Militär unterrichtet werden? Warum können Menschen, welche Kriege planen und deren Befehle über Leben und Tod entscheiden, die universitäre Öffentlichkeit nutzen?

Diese und andere Fragen beziehen sich bestimmt nicht nur auf eine spezielle Situation im Irak. Es sind nicht irgendwelche Kriege der USA, irgendwelche Debatten um Terrorismus und Counterterrorism, nicht im Besonderen die deutschen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien oder die Ausbildung ägyptischer Soldaten durch die Bundeswehr, welche wütend machen – es ist allgemein die fehlende öffentliche Debatte über Militär in der Mitte der Gesellschaft, über Krieg, Rüstung, so genannte internationale Beziehungen und eine Friedens- und Konfliktforschung, welche immer mehr zu einer Sicherheits- und Extremismusforschung verkommt. Das mögliche Ziel einer friedlichen Welt ist abgelöst durch die Propaganda vom Ende der Geschichte, durch die Angst vor dem Anderen, durch das Primat von Wachstumsbestrebung, Rohstoffsicherung und Marktlogik, welches die Menschenrechte reduziert auf das Recht der Menschen in Nord, Süd, West und Ost teilzuhaben an Konsum und Konsumiert-Werden.

Diese Logik wird gestützt und geschützt durch die Gewalt des Staates und seiner Militärs, welche in Kriegen Märkte öffnen, Zugänge zu Rohstoffen sichern, unlieb gewordene Partner politisch oder ganze Bevölkerungen wirtschaftlich liquidieren und letztlich ganz einfach im Namen zweckentfremdeter Freiheit und inhaltslos gewordener Gerechtigkeit Menschen töten. Diese Zusammenhänge müssen herausgestellt werden, denn hier zeigt sich die Verbindung zwischen Krieg, Sozialabbau und Arbeitslosigkeit oder zwischen Bildungsreform, Grenzkontrollen und Finanzkrise.

Gerade jetzt wird die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt und dies mag für viele Militärkritiker auf den ersten Blick eine positive Nachricht darstellen. Doch wenn ein Atomausstieg ebenso rückgängig gemacht werden kann, wie der Ausstieg von selbigem Ausstieg, dann ist selbstverständlich auch ein Ausstieg vom Ausstieg des Atomausstiegs für jede neu zu bildende Regierung recht einfach möglich. Diese Tatsache ging in vielen Medien genauso unter, wie der Fakt, dass die Aussetzung der Wehrpflicht nicht gleichbedeutend mit der Abschaffung selbiger ist. Solche Dinge scheinen neuerdings unwichtige Nuancen und keinesfalls bedenkenswerter Natur zu sein. Aber genau diese Reflektionsverweigerung ist notwendige Voraussetzung für die verzerrten Bilder einer sich in Auflösung und Abrüstung befindenden Bundeswehr, welcher ergo nicht mehr mit antimilitaristischer Kritik, sondern eher mit wohlwollender Abschiedsstimmung begegnet wird. Doch es gibt genauso wenig ein Ende des Atomzeitalters, wie es ein Ende der deutschen Armee gibt. Die Bundeswehr wird umstrukturiert und in Position gebracht für ihre Rolle als mächtiger Partner im NATO-Verband. Sie soll die wirtschaftliche Stärke Deutschlands auch im tarnfarbenen Wehrbereich präsentieren und dementsprechend wächst der deutsche Verteidigungsetat aktuell – auch ohne Wehrpflicht – um weitere 133 Millionen auf 31,68 Milliarden! Deutschlands Armeeführer koordinieren nicht ihre Abrüstung, sondern vollziehen Modernisierung, Konzentrierung und Fokussierung im Namen der Sicherung der deutschen Interessen in nationalem und internationalem Rahmen.

Die hoch technisierte Bundeswehr, welche auch Vorbild und damit Triebfeder für deutsche Rüstungsexporte ist, rekrutiert fleißig und zieht gut gerüstet ins Feld der Werbestrategie. Es werden Schulen und Universitäten, Innenstädte und Jobcenter besucht, es werden öffentliche Verkehrsmittel beklebt und mit Kapellen, Waffenherstellern und privaten Sicherheitsunternehmen (1) gemeinsame Großveranstaltungen zelebriert um Nachwuchs, Partnerschaften, Akzeptanz und Anerkennung zu gewährleisten. Die Bundeswehr ist mitten unter uns, sie ist Freund und Nachbar, ist Arbeitgeber und regelt die freien Zugänge für Import und Export. Sie schützt die europäischen Grenzen und unser aller Sicherheit und sie bringt damit Krieg und Zerstörung in unseren Alltag, wenn auch geschönt durch einfühlsame Journalisten, welche über Kämpfe als so genannt humanitäre Einsätze berichten. So wird uns die Notwendigkeit von Mord, Zerstörung und Leid suggeriert – und eine Welt in der zwangsläufig nur das Recht des Stärkeren gelten kann, denn nur dieser besitzt die Deutungshoheit über Recht und Unrecht.

Dieser Logik wird auch im universitären Rahmen fleißig nachgegangen. Der nach Berlin eingeladene Peter Mansoor ist Militärhistoriker an der Ohio State University, welche er selbst als „the nations pre-eminant power in military history“ bezeichnet. Außerdem kann er auf 26 Jahre Militärzugehörigkeit zurückblicken, unter anderem war er während des Irakkriegs Executive Officer unter General Petraeus und dank seiner wissenschaftlich-militärischen Doppelfunktion nennt ihn das Wall Street Journal einen „Architect of U.S. Strategy“. Diese neue Strategie ab 2007 sah zwar auch vor, die Zahl der getöteten irakischen Zivilisten niedriger als zuvor zu halten, doch soll nicht der Eindruck entstehen, dass es sich hierbei um eine Art humanitäre Frage gehandelt haben könnte. Vielmehr ging es darum die Zivilbevölkerung von der Notwendigkeit der fortgesetzten Militäraktionen zu überzeugen und die sunnitische Minderheit einzubinden, um damit Aufstände und Revolten zu verhindern. Entsprechend ist Mansoors Expertise „Counterinsurgency“ und „Hybrid Warfare“. Erstgenanntes meint vor allem die Bekämpfung von Aufständischen und so ist Mansoor auch Gründer des U.S. Army/Marine Corps Counterinsurgency Center in Fort Leavenworth/Kansas (2). Zweitgenanntes meint den militärischen Kampf mit sowohl herkömmlichen (staatlich geleiteten), als auch irregulären Kampfverbänden (Partisanen oder Guerilla).

Die an diesem Abend unterstützend in Funktion getretenen Daimler Fonds geben offiziell drei Stiftungsschwerpunkte an: Strukturprobleme in Forschung und Lehre; Ingenieurwissenschaften und Internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit. Im Zusammenhang mit Mansoor bedeutet dies dann offenbar die Propagierung von Krieg als Mittel zur Gewinnmaximierung der eigenen Rüstungssparte. Und die veranstaltende American Academy selbst leitet ihre Webpage mit einem begeisterten Zitat des Axel Springer AG-Vorsitzenden Mathias Döpfner ein, welcher über die diese sagt: „I could not imagine a better place to establish and strenghten transatlantic friendship and intellectual ties“. Diese transatlantische Verbindung bedeutet, auf den Irak bezogen, mal eben 100.000 Tote – darunter mehr als 66.000 zivile Opfer (laut Zahlen des Pentagon), bedeutet eine Million im Irak gestorbene Menschen zwischen März 2003 und August 2007 (laut Zahlen des Opinion Research Business). All das im Namen von Intellekt und Freundschaft.

Gründer und Vorsitzender der American Academy ist Gary Smith, welcher 2002 für sein Engagement beim „Aufbau von Netzwerken im Wissenschafts- und Kulturaustausch auf nationaler und internationaler Ebene“ mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist. „Für die kulturelle und wissenschaftliche Ausgestaltung der deutsch-amerikanischen Freundschaft und für die Bereicherung der Stadt mit intellektuell anspruchsvollen hervorragenden Veranstaltungen“ bekam er darüber hinaus dieses Jahr (2011) den Berliner Landesorden.

Ich finde es befremdlich, dass die Einladung von Kriegstreibern durch die American Academy für die Stadt Berlin offenbar eine „hervorragende Leistung“ darstellt. Mir persönlich jedenfalls fällt an dieser Stelle sofort der „intellektuell anspruchsvolle“ Kurt Tucholsky ein und mit seinen Worten frage ich mich, ob die Freie Universität Berlin den Anspruch auf Exzellenz durch in ihren Räumlichkeiten stattfindende Sondervorträge von Mördern (3) gewährleistet sieht?

Eine Gruppe antimilitaristischer Studierender jedenfalls trat diesem kriegsverherrlichenden Schauspiel entschieden entgegen und entrollte wenige Minuten nach Beginn der Veranstaltung ein Transparent mit der Aufschrift: „Militär raus aus der Uni“. Mansoor entgegnete kurz angebunden, dass er an diesem Abend als Zivilist spreche, doch so einfach kann ein Kriegsstratege eine Uniform nicht eintauschen oder ablegen, denn er ist und war als Soldat, Colonel (1st Brigade, 1st Armored Division, von Juli 2003 bis July 2004: Operation Iraqi Freedom), als Mitglied des Council of Colonels des Pentagon und als Militärhistoriker an der Ohio State an Ausführung, Führung und theoretischer Ausarbeitung von Angriffskriegen, an der Zerstörung von überlebenswichtiger Infrastruktur und einhergehend am Tod unzähliger Menschen beteiligt. Der Aufforderung, „den Mann doch erstmal sprechen zu lassen“, wurde von den Protestierenden nicht durch offene Ohren entsprochen, sondern durch das demonstrative Verlassen der Veranstaltung, wobei noch die Frage in den Raum gestellt wurde, ob sich Menschen wie Mansoor nicht eher an anderer Stelle verantworten sollten, als an Institute wie das JFK geladen zu werden. Eine Universität darf kein Forum bieten für „Architekten“ von Krieg, Folter und Tod und einige Menschen entschieden sich entsprechend – auch nicht kritisches – Publikum sein zu wollen.

Die Verantwortlichen am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien und im Präsidium der FU täten gut daran, sich in dieser Sache eindeutig zu erklären und in Zukunft Kriegspropaganda nicht durch den Deckmantel einer intellektuellen Auseinandersetzung zu protegieren.

Militärforschung ist nicht einfach ein wissenschaftliches Fach, sondern dient der theoretischen Vor- oder Nachbereitung vergangener und zukünftiger Waffengänge und ist somit zweckmäßiges Mittel zur Förderung staatlicher Verbrechen. Wenn Krieg theoretisch als Mittel der Durchsetzung politischer Ziele in Erwägung gezogen wird, kann schließlich auch eine Akzeptanz für dessen praktische Durchführung entstehen. Wenn wir Krieg im Dort nachvollziehbar finden, müssen wir auch Krieg im Hier in Erwägung ziehen und wenn nach außen mit Waffengewalt agiert wird, dann muss diese Möglichkeit auch nach innen praktikabel erscheinen. Die nach Freiheit Strebenden von heute gelten morgen als Terroristen, die Verbündeten von gestern sind jetzt schon unsere Feinde.
Gewinnen werden wir aber alle nicht können.

NUR DIE FREIHEIT ALLER IST GERECHTIGKEIT UND FRIEDEN.

FÜR EINE UNIVERSITÄT FREI VON PRIVATWIRTSCHAFTLICHER UND MILITÄRISCHER EINFLUSSNAHME!

WAR IS TERROR!

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(1) PS: In diesem Zusammenhang sei auch auf die International Urban Operations Conference vom 31.01. bis zum 02.02. in Berlin hingewiesen (mehr z.B. hier: http://nojusticenopeace.blogsport.eu/) – lasst uns zahlreich, kreativ und widerständig dort „teilnehmen“!

(2) Der Militärkomplex Fort Leavenworth beherbergt neben dem United States Army Training and Doctrine Command (TRADOC) und dem United States Army Command and General Staff College die Midwest Joint Regional Correctional Facility, das Militärgefängnis, in welchem auch der „Whistleblower“ Bradley Manning gefangen gehalten wird.

(3) Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel veröffentlichte Kurt Tucholsky 1931 in „Die Weltbühne“ die viel zitierte Aussage: „Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“ Zwischen 1932 und 1995 war dieses Zitat Grund unzähliger Gerichtsverhandlungen, bis das Bundesverfassungsgericht schließlich eine verfassungskonforme Zulässigkeit der Aussage bestätigte.
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Berlin, den 20.Dezember 2011
Anarchopazifist_in X.