Archiv für Oktober 2011

Berlin, 15.10.2011 united for #globalchange

Gegendarstellung zur Pressemeldung der Polizei vom 16.10.2011, 13:05 Uhr:
„Zwischenfälle nach beendeter Veranstaltung; Mitte; # 3805″

Bei einem angemeldeten Aufzug, in Verbindung mit der weltweiten Bewegung „United for globalchange“, der sich gestern um 13 Uhr am Neptunbrunnen versammelte und gegen 13 Uhr 50 mit bis zu 10000 Personen startete, gelangten gegen 14 Uhr 35 in Höhe der Heinrich-von-Gagern-Straße etwa 2000 Aufzugsteilnehmer_innen vor den Reichstag. Dies war bedingt durch das gewollte Fehlen einer autoritären Struktur innerhalb der Demonstration, sowie das nicht Vorhandensein klarer Absperrungen von Seiten der Ordnungskräfte. Nach völlig unverhältnismäßig hartem Vorgehen der Polizei vor dem Reichstag kam es kurzzeitig zu einzelnen, unnötigen Würfen von Gegenständen gegen die eingesetzten Polizist_innen, was wiederum beantwortet wurde mit einem massiv geführten Einsatz von Pfefferspray. Glücklicherweise wurde auf die weitere Provokation von staatlicher Seite nicht weiter eingegangen und es ist davon auszugehen, dass die schutzbewaffneten Einsatzkräfte unverletzt blieben.
Durch bürgerliche Medien wurden allerdings „leichte Verletzungen“ von vier Polizist_innen vermeldet.
Gegen 15 Uhr 30 erreichten schließlich alle Teile der friedlichen – und von ständigen Solidaritätsbekundungen getragenen – Veranstaltung, ohne weitere Störungen den Endplatz zwischen Bundeskanzler_innenamt und Reichstag.
Während vor Erstgenanntem eine Abschlusskundgebung mit Lautsprecherwagen stattfand, entstand vor Letztgenanntem eine Asamblea/Assembly.
Bei der Abschlusskundgebung vor dem Bundeskanzler_innenamt, welche gegen 17 Uhr 25 für beendet erklärt worden war, kam es zu einer Lautsprecherdurchsage, welche die geschlossene Teilnahme an der Asamblea/Assembly auf dem Platz der Republik vorschlug.

3000-5000 Personen hatten sich schließlich auf dem Platz der Republik versammelt und aufgrund der Wetterverhältnisse – und um ein entschiedenes Zeichen zu setzen –, wurden dort einige Strandmuscheln und Zelte aufgebaut. Trotz teils gegenteiliger Ankündigungen wurden diese dann recht plötzlich durch Polizeikräfte in martialischer Art und Weise zerstört. Es kam zu Eigentums- und Diebstahlsdelikten durch die Beamt_innen.
Erfreulicherweise wurde eine Volxküche am Rand des Platzes aufgebaut und so konnten sich die Menschen, bei zunehmend kalten Temperaturen, an warmen Mahlzeiten erfreuen.
Auch wurden in solidarischer Art und Weise wiederholt Kartonagen, Decken, Folien und Kerzen auf den Platz gebracht. Gegen 19 Uhr 38 begannen die eingesetzten Beamt_innen, nachdem der Platz durch einen energieineffizienten Lichtmast beleuchtet wurde, erneut mit der massiv durchgesetzten Zerstörung von Zelten und Strandmuscheln. Widerstandshandlungen bestanden im Blockieren und Festhalten der mitgebrachten Zelte, Decken und VoKü und in diesem Zug kam es zu Pfeffersprayeinsatz, Schlägen und Tritten gegen die friedlich widerständigen Demonstrant_innen. Einer Polizeiperson gelang es hierbei tatsächlich, sich durch derangiert wirkendes Handeln in den Vordergrund der ohnehin völlig übermotiviert agierenden Polizist_innen zu drängeln, indem sie wiederholt eine Holzlatte und schließlich Pfefferspray gegen am Boden sitzende Blockierer_innen einsetzte.
Gegen 21 Uhr 30 befanden sich noch mehrere Hundert Personen am Ort, denen zum Teil mitgebrachte Decken und Schlafsäcke von erneut einfallenden Polizist_innen entwendet wurden.
Nach erfolgter dreimaliger Aufforderung durch die Polizei, den Platz zu verlassen, begannen die Einsatzkräfte, unter Berufung auf einen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz, mit der gewaltsamen Auflösung der Asamblea/Assembly. Gegen 0 Uhr 30 war der Platz der Republik von Personen geräumt, Pressemitarbeiter_innen waren zum Teil an der Ausführung ihrer Arbeit gehindert worden.
Von offizieller Seite wurde angegeben, dass 11 Polizeibeamt_innen leicht verletzt wurden. Eine Polizistin wäre vom Dienst abgetreten und hätte sich in ambulante Behandlung begeben.
Insgesamt wurde 12 Personen, ohne ausreichende Begründung, die Freiheit vorübergehend entzogen und 31 Strafverfahren wurden eingeleitet. Wieder einmal trugen die eingesetzten Cops keine ausreichenden Nummern oder Markierungen. Wenn man die Vorgehensweisen der Ordnungskräfte in anderen deutschen Städten am gleichen Tag betrachtet, hat sich Berlin erneut als Stadt der Polizeigewalt und Staatswillkür hervorgetan. Wenigstens scheinen alle verhafteten Personen wieder entlassen worden zu sein, jedoch erst nach erniedrigender und datenschutzrechtlich bedenklicher Identitätsfeststellung.

Berlin, den 16. Oktober 2011
Anarchopazifist_in A.

Herbstaktuelle Gedankensprünge

Nun ist Libyen beinahe „befreit“, London wurde befriedet, Lampedusa geräumt und die Flüchtlingsströme zurück ins entfesselte Elend getrieben, währenddessen sich Menschen in Madrid, Barcelona, an der New Yorker Wall Street, in Quamischli, Riad und anderswo, einen Eindruck davon machen können, wie verblüffend ähnlich privatwirtschaftliche und despotische Interessen durchgesetzt werden. Wir durften, nicht nur in Athen, Bilbao oder Stuttgart, einen Eindruck davon erlangen, wie die repressiven staatlichen Organe mit Gewalt nach innen ebenjene „Freiheit“ verteidigen, welche sie nach außen, ebenfalls durch den Einsatz von Gewalt, propagieren:

Die Freiheit der entfesselten Märkte, welche einhergeht
mit zerstörten Sozialgefügen und zerrütteten Zivilgesellschaften.

Während der „Westen“ in den einen Ländern Unfreiheit unterstützt und Aufständische als Terrorist_innen verfolgt, feiert er in anderen Ländern Aufständische als Freiheitskämpfer_innen gegen plötzlich unliebsam gewordene Diktatoren. In jedem Fall dienen die damit verbundenen Kriege und militärischen Interventionen rein geostrategischen Zielen und dies geschieht eben ganz pragmatisch mit oder gegen die jeweils vorhandene Bevölkerung.
Selbstverständlich gilt unsere unkündbare Solidarität dagegen überall und immer für jedwede wirklich emanzipatorische Erhebung von links und unten, denn immer mehr Menschen sind betroffen von einem System, welches zum Profit für Wenige notwendigerweise eine Wirtschaftskrise produziert, welche nun von fast allen bezahlt werden muss.

Die Zusammenhänge zwischen dieser „Krise“ und den aktuellen Kriegen werden immer deutlicher – wie auch die zwischen marktgerechter Vernichtung von Zivilgesellschaft in Griechenland, Menschenrechtsverletzungen durch Frontex-Soldateska zum Schutz der Grenzen des europäischen Wirtschaftsraums, Lieferungen deutscher Rüstungsgüter an autoritäre Regierungen, offiziell ausgeführten Morden an friedlich protestierenden Zivilisten, Schauprozessen gegen Friedensaktivisten, Umwelt- und Tierschützer oder dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien mit staatlich vorbereiteten und anschließend von rassistischen Mobs durchgeführten Pogromen.

Mensch kann sich beschweren über das Fehlen sozialer Verantwortung der Herrschenden oder auch über ein entfesseltes Finanzsystem. Doch verkennt mensch damit nicht, dass im neoliberalen Heute lediglich effizienter getan wird, was auch im Gestern der sozialen Marktwirtschaft bereits Ziel jeder kapitalistischen Verwertungslogik war?

Wenn mensch sich nicht länger aufgibt, stattdessen aufsteht, immer mehr Autonomie wagt und selbst Fragen stellt anstatt Verantwortung abzugeben, dann kann dort Eigeninitiative, Lebenslust und Hoffnung entstehen, wo zuvor Fremdbestimmung, Verzweiflung und Apathie bestanden.

So vieles kann tatsächlich so einfach gestaltet werden, macht mensch sich nur die eigenen Möglichkeiten bewusst. Denn natürlich haben alle die positive Macht der Veränderung. Doch genau diese Macht müssen wir endlich nutzen lernen.

Haben wir nicht alle irgendwie mitgearbeitet an jener Welt, welche uns nun scheinbar aufzufressen droht? Wer jetzt bloß stupide auf die anderen schimpft, der verkennt die Realitäten und verhält sich schlicht reaktionär.
Anlageberater_innen brauchen Leute, über deren Anlagen sie beraten können. Immobilienmakler_innen brauchen Menschen, die bereit sind, hohe Provisionen und Mieten zu bezahlen. Es werden Kultusminister_innen, Lehrer_innen und Professor_innen gebraucht, damit die gleichen Denk- und Verhaltensweisen weiter getragen werden können und ohne Verkäufer_innen und Angestellte, ohne Arbeiter_innen und diejenigen, welche die Waren konsumieren, kann keine Fabrik, kein Konzern und kein Laden funktionieren. Energiekonzerne brauchen Kunden_innen für die Ausbeutung der Ressourcen und den nächsten Störfall, Banken brauchen zum Renditegeschäft unser aller Geldeinlagen, die Nahrungsmittelindustrie braucht blinde Alleskonsument_innen und Coca-Cola, adidas oder H&M benötigen Abnehmer_innen für ihre Produkte aus Billiglohn- und Kinderarbeitsländern.

Unzählige sagen, dass Politiker_innen lügen und lediglich Klientelpolitik betreiben, machen für diese aber dennoch Kreuzchen auf den Wahlzetteln. Immer mehr Fabrikarbeiter_innen, einfache Angestellte und Rentner_innen sind betroffen von der Krise und beteiligen sich dennoch selbst am Spiel um Aktien und Anlagen. Wieder und wieder werden die allerneuesten Fernseher, Kleider, Autos und Mobiltelefone willig gekauft und der Kopf durch allerhand unterhaltsame Medien entleert. Folgerichtig stecken wir in banalen Angst- und Konsum-Realitäten, haben wir Freiheit, Solidarität und Frieden die Lobby entzogen zugunsten von Abhängigkeit, Einsamkeit und Sicherheitspolitik.
Wer immer nutzt, was vom System angeboten wird, der wird im Umkehrschluss auch vom System benutzt werden – ganz so kompliziert sind die weltweiten Zusammenhänge auch wieder nicht.

Auch nicht diejenigen der Finanzmärkte. Dort wird auf eine Krise in Griechenland gewettet, das Land daraufhin abgewertet, keine allgemeingültigen Kredite mehr gegeben und somit entsteht – die „Krise“. Nach der Reform von EFSF und der Installation des Rettungsschirms ESM sind ab 2013 Staatsinsolvenzen gangbar und dann werden die Möglichkeiten für privatwirtschaftliche Übernahme gesellschaftlichen Reichtums noch umfassender sein, als heute schon. Was aktuell in Griechenland geschieht kann indes durchaus gedacht werden als eine Art Dominospiel mit der Ausgangsfrage:
Kann mensch eine nationale Wirtschaft ausbluten lassen, ohne dass die damit einhergehenden Schwankungen den gesamten Euro zum Zusammenbruch bringen?
Wird diese Frage positiv beantwortet werden, so sind nicht alle Folgen absehbar, aber man kann davon ausgehen, dass dieser geglückte Versuch der Radikalprivatisierung auf weitere Länder Anwendung finden wird.

Durch Forcieren der Exportwirtschaft wurde auch in Deutschland kräftig am Defizit Griechenlands mitgearbeitet und als Krönung werden jetzt noch milliardenschwere deutsche Rüstungsexporte an die griechische Regierung politisch erzwungen. Ein Vorteil für deutsche Arbeitsnehmer_innen wird hieraus nicht erwachsen können, denn durch internationale und transnationale Märkte dürfte sich diese Entwicklung letztlich auf die Reallöhne in der gesamten Eurozone auswirken.
Dies betrifft fast alle, doch leider wird oft nicht unterschieden zwischen Menschen und Institutionen. Nicht die Griech_innen haben Geldschulden, es ist die griechische Regierung und Wirtschaft. Nun wird versucht die Menschen in Europa zu spalten, dabei bezahlen Steuerzahler_innen nicht für die Krise der Griech_innen, sondern für Spekulations- und Verschwendungssucht von internationalen Banken, Investor_innen und Regierenden, sowie für die blinde Dummheit der Wirtschaftswissenschaftler_innen und bürgerlichen Medien.

Letztgenannte – unter Führung von Springer, Bertelsmann, Burda, Jauch & Co. – behaupten, in Griechenland zeige sich die Bedrohung der europäischen Sicherheit durch sparunwillige Mitglieder der Marktgemeinschaft. Den deutschen Steuerzahler_innen wird vorenthalten, dass sich dort wohl eher der zukünftige Ist-Zustand für viele weitere Länder zeigt: Denn Griechenland könnte schon bald kein Staat im herkömmlichen Sinne mehr sein, sondern der groß angelegte Versuch eines vollständig umgesetzten Privatmarktes in der Hand von Banken, Finanzspekulant_innen und Rating-Agenturen, abgesegnet durch eine Regierung, welche unter Führung der Troika eine eher marionettenhafte Funktion haben dürfte.

Der Kapitalismus verwertet selbst Lebensmittelknappheit und Hungersnöte spekulativ und gegen diese neoliberale „Logik“ wird kein Mensch alleine bestehen können. Die Gewissheit, dass diese Entwicklung irgendwann bei jedem Menschen – auch den kurzfristig noch Profitierenden – ankommen wird, ist keine hohle Panikmache, sondern eine Gewissheit, welche allein manifestiert wird durch einen fortgesetzten, allgemeinen Wachstumsglauben. Denn was weiter zunehmen soll, muss gefüttert werden – und der Hunger nach Geld ist riesig. Daher ist eine internationale Solidarität dringend notwendig, denn Jede und Jeder wird sie bald selbst brauchen.

Eine solche Solidarität sollte ganz anders aussehen, als wenn die Deutsche Telekom sich bereits weitere Anteile an OTE gesichert hat, wenn Fraport gerade dabei ist den Athener Flughafen zu übernehmen oder RWE zeitnah selbiges mit DIE plant.

Solidarität müsste sich zuerst zeigen in unterstützenden Maßnahmen – Informationsaustausch, Demonstration, Boykott, Streik und Mitarbeit – für die sich Wehrenden in Griechenland, die sich zurecht Beschwerenden in Spanien, die sich noch immer Erhebenden in Ägypten, die unzählig Marschierenden in Israel, die Hungerstreikenden in Gefängnissen der USA, die Hartz-4-Empfänger, Aufstocker und 1-€-Jobber in Deutschland, die Konsumverwirrten, Mediengeblendeten und Vereinzelten, die Unterdrückten, Unfreien, Alten, Armen, Kinder und Schwachen dieser Welt und Solidarität muss sich auch darin zeigen, dass mensch beispielsweise das nativ gepresste, kretische Olivenöl eben nicht im Discounter, sondern beim griechischen Bauern kauft, am besten direkt und fair gehandelt, ökologisch nachhaltig produziert und mit Erlaubnis zu Gewerkschaftsbildung, muss sich zeigen indem mensch allgemein weniger Öl benutzt und sich mit der Frage beschäftigt, ob nicht jeder Einkauf von Importprodukten gleichermaßen die Arbeiter und Bauern im Ausland, wie im Inland schädigt – die Umwelt sowieso. Bio ist eben nicht Fairtrade und generell sollten irgendwelche Gütesiegel und Labels die Frage nicht beantworten, ob mensch bestimmte Dinge überhaupt konsumieren, oder nicht besser lokale Möglichkeiten wieder entdecken sollte. Solidarität sollte zuerst einmal geprägt sein von Reflektieren und Differenzieren.

Der Wahlspruch Griechenlands ist Elefthería i thánatos (Freiheit oder Tod) und es scheint nun fast Wahrheit zu werden, dass die Mehrheit in Griechenland nur noch zwischen solchen Extremen wählen kann und auch viele andere sich bald dieser ultimativen Bipolarität werden stellen müssen, denn im griechischen Beispiel zeigt sich die Zukunft:
Die Menschen müssen sich entscheiden für Freiheit oder Tod, für Selbstermächtigung oder Knechtschaft.

Seit in Griechenland die faschistischen Obristen abgesetzt und die „Demokratie“ wieder eingesetzt worden war, gab es ein Hochschul-Asyl. Aus der Erinnerung an die blutige Niederschlagung eines Studentenaufstandes durch die Junta, im November 1973, wurde verfügt, dass die Polizei die Gelände der Universitäten nicht mehr betreten durfte. Dass dieses 1974 in Kraft getretene Gesetz, just jetzt abgeschafft wurde, spricht Bände.
Die heutige Junta ist nicht mehr nur auf Griechenland bezogen, sie ist nicht einmal europäisch, sie ist im schlechtesten Sinne international. Sie besteht nicht mehr an der Spitze aus Militärs, sondern aus Banken, Corporations und neoliberalen Politikern. Hatte die griechische Militärdiktatur Unterstützung der USA und stillschweigende Duldung Europas sicher, so stehen hinter der aktuellen Marktdiktatur die Weltbank und die Troika aus IWF, Europäischer Kommission und EZB – traurigerweise von uns allen ermächtigt und unterstützt – durch viele kleine und große Taten an jedem Tag: durch Konsum, Arbeit, Angst und Ablenkung, Gleichgültigkeit und Zustimmung.

Die Kürzungen in vitalen Bereichen (Löhne, Renten, Soziales, allgemeine Versorgung, Medizin, Bildung, Kultur,…) sind in ihrer Größenordnung kaum mehr vorstellbar. Die Wut der Bevölkerung entsprechend verständlich und mensch kann in objektiven Berichten auch gut erkennen, dass es sich bei den Unzufriedenen nicht um eine bestimmte Gruppierung handelt, sondern sich der Überlebenskampf der Menschen – notwendigerweise – quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten zieht.
Doch einige Dumme, Blinde und Kurzzeit-Profiteur_innen, schimpfen noch immer lieber auf alles Fremde, auf Nichtsparer_innen, Berufsdemonstrant_innen, Arbeitslose oder auf die jungen Expropriateur_innen in England, welche, ungehört und gleichgültig zurückgelassen, sich genau derjenigen Konsumartikel annahmen, deren Besitz ihnen in Endlosschleifenwerbung als unerlässlich angepriesen worden war. Das es sich bei den Opfern dieser Taten in der Mehrzahl um Angehörige der gleichen sozialen Schicht, und leider eben zumeist nicht um Häuser der großen Handelsketten handelt, bestätigt dann auch leider nur die Durchsetzung der lange währenden Bemühungen zur Abschaffung von Klassenbewusstsein und Solidarität.

Es wäre an der Zeit aufzustehen und sich dieses Bewusstsein zurückzuholen, sich an den kategorischen Imperativ zu erinnern und sich zusammenzuschließen mit den Unterdrückten in Griechenland, England, Syrien und überall sonst auf der Welt, bevor kein Mensch mehr da ist um die eigenen Hilferufe zu vernehmen, wenn sie denn irgendwann ausgestoßen werden.

Berlin, den 16. Oktober 2011
Anarchopazifist_in A.

Aufruf zur Solidarität! Aufruf zur international-sozialen Bewegung!

Wir wollen Freiheit und Frieden für alle und wir brauchen keine uns
teilenden Staaten, Nationen und Religionen, denn da wir in diesem
perfiden Spiel des globalen Kapitalismus alle Opfer sein werden,
müssen wir gemeinsam kämpfen für Emanzipation und Gerechtigkeit.
Wir sind viele, wir sind die meisten und wir brauchen
keine Vertreter_innen, keine Führer_innen, keine Chef_innen,
denn wir können selbst denken und unser Handeln bestimmen.

Wir verneinen die Möglichkeit eines menschlicheren Kapitalismus,
glauben nicht an gerechte Parteienherrschaft oder
funktionierende Reformen des Bestehenden,
denn das Problem sehen wir in der Idee der repräsentativen Herrschaft,
nicht in einer fehlerhaften Umsetzung derselben.

Hiermit erklärt die Anarchopazifistische Bewegung ihre Solidarität
mit allen aktuell sich emanzipatorisch und antiautoritär Empörten,
Aufständischen und Demonstrant_innen in aller Welt und wir denken,
eine international-soziale Bewegung ist nicht nur zwingend notwendig,
sie scheint zur Stunde auch möglich.
Wir müssen zusammen stehen und dürfen uns nicht entzweien lassen,
wir müssen Fragen erlauben, uns vor zu schnellen Antworten hüten
und jede Avantgarde ablehnen. Mögen unsere Ziele auch teils
verschieden sein, so wollen wir mitwirken an Ideenfindung
und Zielsetzung, wollen wir andere davon überzeugen,
dass nur die angesprochene Welt ohne Herrschaft und Eigentum
eine Welt des wirklichen Friedens und der Gerechtigkeit sein kann.
Wenn es nicht zu der Bewegung, nicht zu der Welt kommt,
welche wir uns vorstellen, dann waren unsere Argumente
nicht gut genug, oder die Menschen wollten einfach etwas anderes.
Als Anarchist_innen können wir aufklären und
zu überzeugen versuchen, aber uns letztlich nicht gegen den
erklärten Willen der Mehrheit stellen.

Lasst uns diskutieren, aufklären, beratschlagen, Utopien planen
und deren Umsetzung beginnen.
Wir wollen zusammen stehen und solidarisch ein Gemeinsam schaffen
- gegen das kapitalistische Einsam.
Jede Freiheit braucht Solidarität und so streben wir nicht allein
danach frei zu sein, sondern nach freier Gemeinschaft und Verbindung.
Wir wollen uns zusammenschließen, damit aus Ähnlichdenkenden
Gleichgesinnte werden können.
Wir wollen uns diskursiv miteinander auseinandersetzen
und herausfinden, was uns trennt und was uns verbindet.
In diesem Zusammenhang möchten wir
eine neue Reisefreiheit proklamieren:

Eine neu gedachte Reisefreiheit als Solidaritätsbewegung in Gedanken
und Taten. Eine revolutionäre und verbindende Reisefreiheit von
Menschen und Ideen. Reisen als Bewegung überall auf der Welt,
in die Welt hinein, unabhängig von Individualurlaub
oder Tourismusindustrie.
Als Weg und Mittel zu Gemeinschaft, Frieden und Gerechtigkeit,
als internationale Bewegung, welche eine Fahne schwenkt
für die Befreiung aller Menschen, für Emanzipation, Gerechtigkeit,
Liebe, Selbstbestimmung, Frieden und Freiheit.

Diese Fahne müssen wir, immer und überall, vor uns her tragen.
Die Inhalte dieser Fahne werden verwirklicht in Innehalten,
Nachdenken, in Verweigerung von Konsum und Kommerz,
im Selbstmachen, in Ungehorsam, Desertierung, Nächstenliebe
und in gemeinsamem Denken und Lösungen suchen,
sowie im Auflösen von Bankkonten und Versicherungspolicen,
in Arbeitsniederlegung, direkter Aktion, Generalstreik und dem
Wahrnehmen vom Wert einer Arbeit unabhängig vom Lohn,
gefolgt vom Aufkündigen des Beschäftigungsverhältnisses,
dann in der Bildung von Kooperationen und Kommunen und
letztlich im gemeinsamen Verwirklichen von dezentralen
Strukturen in einer freien Welt ohne Herrschaft und Geld,
in welcher Ökologie als Schrumpfen und damit
ernstgemeinte Alternative zum Wachstum begriffen wird.

Jetzt liegt es an uns allen Solidarität zu zeigen, laut NEIN
zu sagen zu diesem System und einzutreten für eine andere Welt.
Eine solche Solidarität ist Grundlage jeder Menschlichkeit
und schließlich notwendige Voraussetzung dafür,
uns selbst zu befreien, denn „nur dann bin ich wahrhaft frei,
wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen,
ebenso frei sind wie ich.“1

Lasst uns frei sein als Sandkorn im Getriebe statt als Rädchen
in Betriebe, und mit riesigen Lettern weltweit SOLIDARITÄT
schreiben – entgegen aller Grenzen und Schranken kennenlernen,
leben, geben und Freiheit genießen!
Wir wollen Theorie und Praxis, wollen Scheitern als Chance
und jeden ernst gemeinten Versuch als Schritt nach vorne
begreifen und erheben unsere Stimmen
- ungehorsam in Athen, kritisch Fragen stellend in Tripolis und Sirte,
revolutionär in Teheran, in jede Kamera lachend in London
und Birmingham, einschreitend in Damaskus und Quamischli,
besetzend in Madrid, Barcelona und Bilbao,
atheistisch in Jerusalem, Gaza und Ramallah,
demonstrierend in Kairo, befreiend auf Lampedusa,
blockierend in New York und anklagend aufstehend in einfach
jedem Staat der Welt: emanzipatorisch und gemeinschaftlich,
laut und fröhlich Freiräume schaffend, in leer stehenden Häusern
und Gebäuden und in bisher sinnentleerten Parlamenten,
Börsen, Banken und Konsumtempeln.

Die anarchopazifistische Bewegung sagt nein
zu Vereinzelung, Verzweiflung und Apathie!
Denn während die Staaten und ihre Organe lediglich
die Idee des Eigentums der Wenigen verteidigen,
können wir gemeinsam die Freiheit aller erstreiten:
Utopie wird nur geboren, wenn sie gedacht wird
und sie kann nur existieren, wenn sie gelebt wird!

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1 Michail Bakunin
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Berlin, den 14. Oktober 2011
Anarchopazifist_in A.